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Warum sich Selbstfürsorge lohnt

 

Ich begann gerade als Coach und Trainerin zu arbeiten, da besuchte ich im Rahmen meiner therapeutischen Weiterbildungen ein spannendes Seminar. Der Seminarleiter fragte am Ende des ersten Tages nach zwei Freiwilligen für eine Live-Demonstration der erlernten Methode. Ich stellte mich mit einer Kollegin zur Verfügung. Sie kam gleich dran, ich war für den zweiten Tag eingeplant. Die Methode interessierte mich, und ich war sehr neugierig, die Erfahrung selbst zu erleben. Am nächsten Tag ging das Seminar mit verschiedenen Übungen weiter und die Zeit verging wie im Flug. Am Nachmittag fragte ich mich etwas beunruhigt, ob ich noch zu meiner Selbsterfahrung kommen würde. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Ich sollte noch gefordert werden, aber anders, als ich ursprünglich dachte. 



Mit Blick auf die Uhr machte der Seminarleiter der Gruppe ein Angebot: meine Live-Demo durchführen oder früher gehen? Dann schaute er mich direkt an und fragte: „Was willst Du?“ Es war schönes Wetter und ich antwortete ohne nachzudenken: „Na ja, wenn die Gruppe lieber früher gehen will, kann ich darauf verzichten.“ Ich schaute in die Gruppe, doch diese zeigte keine Reaktion, ich sah nur nachdenkliche Gesichter. Was hatte ich erwartet: etwa begeisterten Zuspruch für mein großzügiges Entgegenkommen?



Die Situation bekam eine seltsame „Eigendynamik“. Der Seminarleiter fragte erneut in die Runde: „Wenn sie flexibel ist, gibt es sonst jemanden, der sich gerne zur Verfügung stellen würde?“ Als sich mehrere Teilnehmer meldeten, wurde mir die Tragweite meiner Aussage bewusst und dass meine Vorannahme falsch war. Ich wurde ärgerlich: Es drohte mir jemand zuvorzukommen. Doch ich war selbst verantwortlich und hatte gleich zwei Fehler begangen: Ich hatte weder auf meine eigenen Bedürfnisse gehört, noch die Gruppe nach ihren Wünschen gefragt. 


Der Seminarleiter schaute mich erneut an und sagte ganz ruhig: „Du hast angedeutet, du bist flexibel, also muss ich nun weiter fragen.“ Er machte mir die Verantwortung meiner Aussage klar und ich wurde entschlossener. Also sagte ich mit fester Stimme: „Moment mal, bevor jetzt die Demo jemand anderes bekommt, möchte ich gerne als Nächste drankommen.“ Ich erhielt schließlich ein wirklich spannendes Setting, das ich nie vergessen werde. Und die Lektion in Selbstfürsorge erhielt ich gleich mit dazu. Erst später ist mir aufgegangen, dass der Seminarleiter mich ganz bewusst aus der Reserve gelockt hatte.

Heute weiß ich, dass Selbstfürsorge eine ganze Kettenreaktion an positiven Effekten auslösen kann: Wenn ich mir die nötige Zeit nehme, meine Bedürfnisse besser zu erforschen und zu erkennen, habe ich mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ich kann versuchten, das was mir wichtig ist, mit den Bedürfnissen anderer auszutarieren und selbstbewusst zu vertreten. Ich kann mich für meine Ziele einsetzen, selbstbestimmt handeln und mich dadurch eindeutig erfüllter und zufriedener fühlen.

Natürlich gibt es Grenzen der Selbstbestimmung, das kennen allein erziehende Mütter nur zu gut. Und ich halte absolut nichts von purem Egoismus. Aber wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Gefühle zu sehr missachten, sind wir weder sozial verträglicher, noch sind wir liebenswertere Menschen. Wenn wir aber im Einklang mit uns selbst handeln, wird Weiterentwicklung möglich. Dann werden wir uns unserer eigenen Verantwortung in diesem Zusammenhang schneller bewusst und können aus Situationen lernen, statt uns zu ärgern.

Durch Selbstfürsorge üben wir uns also gleichzeitig in Selbstachtung. Wir merken auch deutlicher, wenn wir fremdbestimmt werden. Wir laden uns keine „fremde“ Verantwortung unreflektiert auf oder delegieren nicht umgekehrt die Verantwortung unbesehen an andere weiter. So wächst Sozialkompetenz und Beziehungen können sich entspannen.

Ich musste über mich selbst lachen, als ich begriffen hatte, wie ich mir in Bezug auf die Live-Demo ein Bein gestellt hatte. Seitdem prüfe ich besser, was für mich stimmig ist, privat wie beruflich. Ich nehme mir die Zeit, über meine Glaubensansätze und Grundannahmen nachzudenken, schenke meinen Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit und übe mich in Achtsamkeit. Für mich ist klar: Um das eigene Leben Sinnerfüllt gestalten zu können, braucht es kontinuierliche Übung in Selbstfürsorge.

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