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Wie entwickelt sich die Work-Life-Balance in der Kreativbranche?

 

Unter Zeitdruck kreative Ideen entwickeln, bis spät in die Nacht arbeiten und das alles unter Hochdruck – Arbeitsumstände, die ich in der Kreativbranche selbst jahrelang erlebt habe. Doch es tut sich was: Agenturen  in Deutschland entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass sie sich um das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter kümmern müssen. Eine Beobachtung.

Oft habe ich selbst in meiner Bürogemeinschaft bis tief in die Nacht, mit Nackenschmerzen und müden Lidern, an neuen Ideen gebastelt. Am nächsten Tag saß ich trotzdem hoch motiviert wieder vor meinem Mac, um weiter an meinen Projekten zu arbeiten. Über die Jahre hinweg habe ich mich für meine Projekte ins Zeug gelegt. Auf der einen Seite erhielt ich dafür Anerkennung und Design-Awards und hatte Erfolg, auf der anderen Seite spürte ich die körperlichen Folgen meiner Arbeitsumstände. Ich fühlte mich zunehmend leer und antriebslos. Auch die Kreativbranche habe ich als freie Art-Direktorin für Agenturen kennengelernt. Ich weiß, was es bedeutet, für Projekte zu brennen, und kenne die Leidenschaft und Verlockungen, die Kreative oft verführen, sich überdurchschnittlich zu engagieren.


Über die negativen Seiten der Kreativbranche schreibt Tobias Lill in einem Spiegel-Artikel von 2011. Die Arbeitsbedingungen für Texter, Grafiker und Marketingexperten seien schlecht, Unterbezahlung, lange Arbeitszeiten und befristete Verträge die Regel. Das betreffe vor allem Berufsanfänger, in ähnlichen Bereichen wie Zeitungen oder Rundfunkanstalten hingegen verdienten sie oft das Dreifache plus Zuzahlungen.


Gerade in der Kreativindustrie ist die Liebe zur Arbeit hoch und die Bereitschaft da, den Stress auf sich zu nehmen. Doch manchmal frage ich mich: Wo ist die Grenze? Wann werden Kreative verschlissen und ausgenutzt, weil ein hohes Arbeitspensum fast schon zelebriert wird? Ich spürte meine Grenzen noch rechtzeitig und nahm mir Zeit für mich; Stichwort Work-Life-Balance. Ich denke, Agenturen sollten ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, ihre Grenzen wahrzunehmen, auch, damit sie gesund und leistungsfähig bleiben können.

Doch wächst tatsächlich ein neues Verständnis für die Ausgewogenheit von Job und Freizeit in der Branche? Laut einer Umfrage des Gesamtverbandes der Kommunikationsagenturen (GWA) sprach 2010 nicht mal die Hälfte der befragten Unternehmen in Deutschland von einer „ausgewogenen Work-Life-Balance und guten Sozialleistungen“. 2017 hingegen beurteilten 70 Prozent der Mitarbeiter in Kommunikationsagenturen ihre Work-Life-Balance als sehr gut bis befriedigend. Die Ressource Mensch gewinnt in Agenturen offensichtlich an Bedeutung.

Die Entwicklung ist demnach positiv. Meiner Beobachtung nach besteht jedoch noch „Luft nach oben“. Permanenter Termin-Druck, Verantwortungsdiffusion, fehlende Überstundenregelungen und befristete Arbeitsverträge sind immer noch mehr Regel als Ausnahme. Das negative Image, Mitarbeiter zu verschleißen, sollten Agenturen allmählich ganz abstreifen und stattdessen deren hohe Einsatzbereitschaft würdigen. Wenn Agenturen mit der gleichen Kraft, Ausdauer und Sorgfalt ihre eigenen Arbeitsbedingungen weiter ausbauen, mit denen sie ihre Kundenbeziehungen pflegen, sind sie in der Lage, moderne und nachhaltige Work-Life-Balance-Konzepte zu entwerfen und umzusetzen. Davon können Agenturen nur profitieren!

 

Weiterführende Links:
• Wie kann die 4-Tage-Woche in Agenturen gelingen?

• Dem Stress in der Kreativbranche entgegenwirken

• "Allways on" fördert ungesunden Stress

 

 

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