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Was können Führungskräfte von Zlatko Dalić lernen?

Er ist zweifelsohne nicht nur ein kluger Stratege, sondern auch ein psychologisches Naturtalent: der kroatische Fußball-Nationaltrainer Zlatko Dalić. Seine Beziehungsgestaltung und feinfühlige Art des Umgangs mit den Spielern war ein ausschlaggebender Faktor für den großen Zusammenhalt im Team.

Als gebürtige Kroatin war ich nicht nur in den vergangenen Wochen in einer Art emotionalem „Ausnahmezustand“. Seit Jahrzehnten fiebere ich schon mit „meinen“ Kroaten und besonders 2018 mit deren Trainer Zlatko Dalić bei der Weltmeisterschaft mit. Ich kann mich noch an das bittere EM-Aus 2016 erinnern: Kroatien war Geheimfavorit und verlor doch überraschend gegen Portugal, nachdem sie bereits Spanien erfolgreich besiegten. Meiner Einschätzung nach spielten die Kroaten großartig, aber sie brauchten mehr mentale Stabilität. Ohne diesen wichtigen Faktor, wirkten ihre Leistungen auf mich häufig unberechenbar.

 

Nicht umsonst nennt sich die Mannschaft „Vatreni“ (übersetzt „Feurige“). „Doch wie bändigt man Feuer und behält einen kühlen Kopf?“, überlegte ich damals. Ich erinnere mich, dass ich mir einen Trainer wünschte, der es schaffen könnte, diese großartigen Spieler auch mental zu stärken. Bei dieser WM keimte die Hoffnung in mir, dass es endlich gelingen könnte, die Spieler auch psychologisch positiv zu prägen und aus ihnen eine Einheit zu bilden. Und genau das hat Zlatko Dalić geschafft.

6 Aspekte zeigen, wie es ihm gelungen ist und was Führungskräfte von Zlatko Dalić lernen können:

1. Stärkenorientierung
Wie konnte es einer Mannschaft gelingen, sich von Rückschlägen nicht niederwerfen zu lassen, sondern stattdessen Kampfgeist zu entwickeln? Ganz einfach: Dalić fokussierte die Stärken der Mannschaft. Die kroatische Online-Medienplattform „Vjesnik.hr“ berichtete beispielsweise, wie der Trainer nach dem 0:1-Rückstand gegen England seine Spieler motivierte: „Ihr dürft nicht auf ihren Spielstil einsteigen, dann verlieren wir. Ihr seid besser, ihr müsst nur ruhig bleiben und geduldig euer Spiel aufbauen.“ Er glaubte felsenfest daran und erinnerte die Spieler unermüdlich an Ihre eigenen Stärken. Dementsprechend spielten sie in der zweiten Hälfte wie ausgewechselt. Dalić erkannte vor allem, dass es nötig war, dass sie sich auf ihre Teamstärke besannen. Durch diesen besonderen Teamgeist konnten sie ihre Stärken erst richtig entfalten, Temperament in mentale Stärke wandeln und so das Spiel drehen und letztlich Vizeweltmeister werden!

2. Positive Botschaften
Ich hörte Dalić in verschiedenen Pressekonferenzen mit strahlenden Augen und begeisterter Stimme berichten, wie positiv alles ist, was gerade auf dem Spielfeld und in seinem Land geschieht. Es ging nicht um künstlich gestellte "think positive" Parolen. Selbst die Öffentlichkeit konnte wahrnehmen, dass er es ehrlich und aufrichtig meinte. Er fokussierte keine Defizite, sondern Ressourcen, er ließ sich schon gar nicht auf Müdigkeitsdebatten seiner Spieler ein, denn er wusste, dass sie Ihr Herz auf dem Spielfeld lassen werden. Er sagte offen seine Meinung zu problemorientierten Fragen, lenkte aber die Gespräche immer ruhig und geschickt in eine positive Richtung: auf Potentiale und auf das, was bereits erfreulich und bemerkenswert ist!

 

Positive Botschaften können Menschen auf der unterbewussten Ebene erreichen und eine große Kraft entfalten. Dalić glaubte bei der WM 2018 schlicht und ergreifend an sein Team und daran, was möglich ist, auch oder gerade dann, wenn es Rückschläge gab. Er wollte auch, dass die Spieler Freude dabei haben und das alles auskosten, unabhängig vom Resultat. Er wurde nicht müde, positive Botschaften zu entsenden. Damit nahm er seiner Mannschaft Druck und half ihnen, an sich zu glauben und Barrieren zu überwinden.

3. Gegenseitiger Respekt
Dalić sagte in einer weiteren Pressekonferenz bescheiden: „Ich muss den Spielern nicht sagen, wie sie Fußball spielen sollen, das können sie schon herausragend.“ Und weiter: „Wenn die Spieler sehen, dass ich etwas weiß und mit diesem Wissen beitragen kann, nur dann werden sie mich akzeptieren.“ Dalić ist seinen Spielern mit viel Achtung und Respekt begegnet. Umgekehrt erkannten die Spieler in ihm einen ehrlichen, loyalen Menschen mit Herz und Charakter. Ein hoch motivierter und freundschaftlicher Teamgeist ist daraus entstanden, in dem sich alle mit viel Zuneigung begegneten. Laut einem Interview der Süddeutschen Zeitung sagte Dalić: „Ich bin derjenige, der die Entscheidungen trifft, aber die Beziehung zu den Spielern ist von großem Respekt gekennzeichnet.“

4. Grenzen & Verantwortungsbereitschaft
Bei aller Freundschaft und Zuneigung geht es auch um Grenzen. Wenn ein Leader sein Team schätzt und sich nahbar gibt, heißt das noch lange nicht, dass man ihm auf der Nase herumtanzen kann. Die Führungsrolle bringt es nun mal mit sich, auch unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen und diese konsequent durchzusetzen. Damit übernimmt die Führungskraft  Verantwortung und wird einer Führungsrolle erst vollends gerecht. So musste z. B. ein kroatischer Nationalspieler frühzeitig nach Hause fliegen, weil er mehrmals seine Einwechslung verweigerte. Dalić gab ihm drei Chancen, bevor er so handelte. Er erklärte den kroatischen Medien anschließend, dass es ihm persönlich sehr schwergefallen sei, diesen Schritt zu tun. Er habe das mit seinem Team besprochen und dann die Entscheidung getroffen. Hätte Dalić das nicht getan, hätte das die komplette Teammoral sprengen können.

Problemen bei der Teamarbeit in Unternehmen sollte man ebenfalls nicht ausschließlich mit klassischen Teamentwicklungsmaßnahmen zu lösen versuchen, sondern als Führungskraft genauer hinschauen und gegebenenfalls "aufräumen". Der Vorgesetzte ist gefragt, Verantwortung zu übernehmen in dem er mögliche Ursachen auf Führungsebene reflektiert und entsprechende Veränderungen einleitet. Oft sind Teamprobleme nur ein "Symptom" für Ursachen, die auf Führungsebene stattfinden. Es gibt aber auch unabhängig davon, klare Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter; Gibt es Mitarbeiter, die sich beispielsweise partout nicht eingliedern wollen oder permanent für Zündstoff sorgen? Hier gilt es Bedingungen zu formulieren, einen Zeitrahmen für die Lösungsfindung vorzugeben und bei mehrmaliger Wiederholung, notfalls auch unangenehme Konsequenzen zu ziehen – zum Wohle aller!

5. Demut & Dankbarkeit
Dalić und seine Spieler sagten den Medien gegenüber, dass ihnen anfangs nicht klar war, dass sie so weit kommen könnten. Natürlich hatten sie wie alle Teilnehmer den Traum, bei der WM im Finale zu stehen. Sie fokussierten sich aber zunächst darauf, wie sie von Spiel zu Spiel weiterkommen könnten. So konnte sich ein kollektives Selbstvertrauen sukzessive aufbauen. Eines, das nicht im Höhenflug mündet, sondern mit den Erfolgen proportional wächst. Als sie selbst schrittweise erlebt haben, wozu sie gemeinschaftlich im Stande waren, konnten sie alles auffahren, was sie hatten: spielerische Qualitäten gepaart mit Selbstvertrauen, mentaler Stärke, Courage und viel Herzblut. Dalić führte sein Team Schritt für Schritt zum größten Fußball-Erfolg in der kroatischen Geschichte. Für mich heißt das: Es ist wichtig, Ziele mit Biss zu verfolgen, nicht aufzugeben, den Weg dorthin aber auch zu genießen und auch für kleinere Erfolge dankbar zu sein.

6. Kommunikation & Teamgeist
Dalić hat seine Spieler mit Bedacht ausgewählt und Rollen verteilt. Er teilte Ideen und Visionen mit den Spielern, er fragte sie nach ihren Meinungen und erklärte seine Entscheidungen. Summa summarum kommunizierte er differenziert, achtsam, wertschätzend und empathisch. Nicht mit jedem Spieler konnte er auf die gleiche Art reden. Er entwickelte ein feines Gespür dafür, welchen Spieler er wie am besten erreicht und motiviert. Dafür ist die Bereitschaft, sich in seine Spieler hineinzuversetzen, ausschlaggebend. Und das kann nur gelingen, wenn ein Trainer zunächst sich selbst achtet. Wer Selbstachtung besitzt, muss sich nicht selbst mehr Bedeutung beimessen, sondern kann sich ganz auf sein Team einlassen.

 

Das Resultat: Die Spieler spielten gemeinsam und mit Herz, frei nach dem Motto: „Einer für alle, alle für einen“. Es entwickelte sich echte Leidenschaft sowie der aufrichtige Wunsch, dem entgegengebrachten Vertrauen Dalićs gerecht zu werden. Diesen Kampf- und Teamgeist der „Feurigen“ haben nicht nur Fans gespürt – er hat auch Zuschauer weltweit berührt und inspiriert. Und der kollektive Ausbruch des Stolzes und der Freude der kroatischen Bevölkerung fand seinen Höhepunkt in den ausgiebigen Feiern nach der Rückkehr der Mannschaft in die Heimat.

Fazit
Dalić erwies sich als ein Trainer, der seine Spieler warmherzig geführt hat und auf gute Beziehungen zu seinen Spielern setzte. Er zeigte, wie ein Team über sich hinauswachsen kann, wenn man es respektvoll behandelt. Er gab so den Anstoß dafür, dass sich ein erfolgreiches Team bilden konnte, das nach dem Prinzip „Never give up“ spielte und uns damit bei der WM viel Freude bereitete. Millionen von Menschen haben gesehen was möglich ist, wenn die Chemie zwischen den Teammitgliedern stimmt, sie sich mögen und miteinander scherzen, füreinander kämpfen, eine Passion teilen und mit Leib und Seele bei der Sache sind. Das ist eine Inspiration für Menschen verschiedenster Berufszweige und Schichten. Es lässt erkennen was möglich ist, wenn man nicht aufgibt und sich Ziele setzt, für die mann brennt. Aber es zeigt auch, was mit gutem Teamwork möglich wird.

Der Umgang des kroatischen Nationaltrainers mit seiner Mannschaft macht meiner Ansicht nach mehrere förderliche Aspekte einer modernen, antiautoritären Führungsrolle deutlich. Ich glaube, dass es in Unternehmen ebenso möglich ist, ein gutes Arbeitsklima über Zusammenhalt, achtsame Kommunikation, Annerkennung, Fairness und Respekt zu erzeugen. Dass empathische, verantwortungsbewusste Führungskräfte, die die Stärken ihrer Mitarbeiter erkennen und auf Augenhöhe kommunizieren, geschätzt werden, dass Unternehmenswerte, mit denen sich Mitarbeiter identifizieren können, wichtig sind, ebenso wie eine wertschätzende, entspannte Unternehmenskultur, in der Konflikte nicht unter den Tisch gekehrt, sondern konstruktiv geklärt werden, damit Mitarbeiter ihre Potentiale frei entfalten können. Dann wird es möglich, dass Teammitglieder sich untereinander stützen und für gemeinsame Ziele und Visionen auch in Unternehmen alles geben.

Es ist mir bewusst, dass ich vieles aufzähle, dass nötig ist, um ein Team so wie Zlatko Dalić anzuführen. Wie wäre es, einfach Schritt für Schritt vorzugehen, so wie die kroatische Nationalmannschaft auf dem Weg von der Vorrunde ins Finale? Der Weg mag manchmal holprig und beschwerlich sein, es kann Rückschläge geben, aber es ist erreichbar.

Weiterführende Links:

• Wie können Führungskräfte Konflikte frühzeitig erkennen und Position beziehen?

 

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