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„Always on“ fördert ungesunden Stress

 

Nach dem Feierabend noch schnell auf Twitter die aktuellen Meldungen des Tages checken, auf Instagram ein paar Inspirationen sammeln und mit Freunden auf WhatsApp chatten – zack, sind zwei Stunden vergangen. Zeit, die man nach der Arbeit auch anders verbringen könnte.

Einer Stressstudie der Techniker Krankenkasse von 2016 zufolge sind Menschen, die ihren Feierabend im Internet verbringen, zu 31 Prozent mehr mit ungesundem Stress belastet als die, die bewusst offline gehen. Bei Letzteren gibt nur jeder Fünfte an, Probleme mit ungesundem Stress zu haben. Die Nutzung der Social-Media-Kanäle mag kurzfristig für Abwechslung sorgen, aber bewusstes Abschalten ist dabei kaum möglich. Stattdessen hilft es, Zeit in der realen Welt zu verbringen: Freunde zu treffen oder einem Hobby nachzugehen. Oder sich in Achtsamkeit zu üben, Dinge bewusst und für sich selbst zu tun. Laut der Stressstudie haben das Internet und soziale Netzwerke den Stresspegel der deutschen Bevölkerung erhöht. Auch deshalb, weil sie sowohl aus dem Arbeits- als auch dem Privatleben nicht mehr wegzudenken sind und die Grenzen zwischen beiden verschwinden.

 

Und wie sieht es während der Arbeit aus? Der Informatikprofessor Alexander Markowetz aus Bonn fand heraus, dass die Deutschen im Büro täglich m Schnitt 88 Mal auf ihr Smartphone schauen und es 53 Mal entsperren. Spätestens alle 18 Minuten unterbricht also die Beschäftigung mit dem Smartphone das, was eigentlich gerade zu tun ist. Nach einer dreiminütigen Arbeitsunterbrechung dauert es gut zwanzig Minuten, bis Beschäftigte gedanklich wieder in der begonnenen Arbeit sind. Multitasking ist aus neurologi­scher Sicht ein Irrglaube. Menschen, die viele digitale Medien gleichzeitig bedienen, sind zwar besser trainiert, viele Infor­mationen aufzunehmen, sind aber weniger in der Lage, wichtige von unwichtigen Informationen zu trennen (Stressstudie TK 2016).

 

Das ständige Beschäftigen mit dem Smartphone und den digitalen Medien kann bei Abstinenz ähnlich wie bei Abhängigkeiten zu entzugsähnlichen Erscheinungen führen. Mit Apps lässt sich beispielsweise messen, wie oft und wie lange man sein Smartphone nutzt (auch wenn das schon paradox ist) – das macht das Nutzungsverhalten klar. Während der Arbeitszeit sollte die private Nutzung ohnehin auf Pausenzeiten beschränkt werden, sofern das nicht schon vom Arbeitgeber vorgegeben ist. Wer sein Nutzungsverhalten in der Freizeit verändern und Stress reduzieren möchte, kann folgenden „Digital Detox“-Selbstversuch unternehmen:

  • Den Selbstversuch können Sie damit beginnen, dass Sie Ihr Ziel und einen individuellen Rahmen für die nächsten zwei bis vier Wochen festlegen. Ein Architekt, der während seiner Arbeitszeit häufig auf Baustellen oder in Kundengesprächen ist, wird vorwiegend abends Zeit haben, News abzurufen. Er wird andere Bedürfnisse wahrnehmen und andere Detox-Wege finden als ein Social-Media-Manager oder ein Online-Redakteur, der im digitalen Umfeld umfangreich tätig ist. Wie könnte also Ihre persönliche „Detox-Nutzung“ für Internet-Surfen, Social-Media- oder Whatsapp-Aktivitäten nach Feierabend und an Wochenenden idealer weise aussehen? Sind es einmal die Woche ein paar Minuten auf Facebook, Twitter und Co., die Sie sich genehmigen wollen? Oder ist das Handy am Wochenende einen Tag lang offline? Spielen Sie verschiedene Situationen durch und notieren Sie sich Ihre Vorhaben in allen Einzelheiten so konkret wie möglich: „Das Handy bleibt in der Tasche, wenn ich Freunde treffe“ oder „Nach 20 Uhr chatte ich nicht mehr“ etc.
  • Wer sich täglich Notizen macht und aufschreibt, welche Gefühle sich während des Selbstversuchs einstellen und welche Veränderungen zu beobachten sind, kann für sich selbst wichtige Erkenntnisse daraus ableiten.

  • Nach Ihrem Selbstversuch können folgende Fragen die Selbstreflexion vertiefen: Was ist statt dem „Allways on“-Modus möglich geworden? Welche Auswirkungen hatte das auf meinen Job und mein Privatleben? Und welchen Unterschied machte das in Bezug auf mein Stress- bzw. Wohlbefinden?

  • Sollten Sie genügend positive Aspekte ausfindig gemacht haben und Sie das motiviert, Ihren „Digital Detox“-Selbstversuch weiterzuführen, können Sie dranbleiben und dadurch neue Nutzungs-Verhaltensweisen trainieren. Es kann jedoch ein paar Wochen dauern, bis sich eine Verhaltensänderung zu einer neuen Gewohnheit entwickelt. Wichtig: Neue Verhaltensweisen lassen sich – wie Muskeln auch – durch regelmäßige Trainings-Wiederholungen entwickeln.

Um gesund und stressfrei leben und arbeiten zu können, sind digitale Pausen notwendig. Wer sehr viele soziale Kontakte online pflegt, kann anfangs auf innere Widerstände und Missempfindungen stoßen. Wer sich aber verdeutlicht, dass es nicht um die totale digitale Abstinenz, sondern um die gesunde Balance im Leben geht, kann diese Widerstände überwinden.

 

Weiterführende Links:

• Dem Stress in der Kreativbranche entgegenwirken

 

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